Montreux 2003

Mit Emotionen auf den fünften Platz

Zwischen drei und vier Uhr früh mussten wir dieses Jahr aus den Federn, denn um 04.30 Uhr war Abfahrt mit dem Moser-Car Richtung Montreux. Im Gegensatz zu anderen Jahren, wo wir jeweils am Freitagabend den Car bestiegen und die Nacht in einem Hotel in der Region Montreux verbrachten, wollte die Mehrheit dieses Jahr lieber im eigenen Bett schlafen und dafür etwas früher aufstehen. Erster Zwischenhalt war um 5 Uhr bei der Autobahnraststätte Effretikon. Hier wollten unsere Bläser aus der Region Winterthur/Zürcher Oberland zusteigen. Einer von ihnen - Markus - bemerkte erst dort, dass die zu Hause fein säuberlich bereit gelegte Uniform immer noch in Bauma lag. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Umweg über Bauma unter die Räder zu nehmen und die lange Fahrt nach Montreux im eigenen PW zu absolvieren. Wer keinen Kopf hat ... Pünktlich zur Verlosung der Startreihenfolge der zweiten Klasse trafen wir in Montreux vor dem Auditorium Stravinsky ein. Viele, viele Stunden hätten wir länger schlafen können, wenn wir früh morgens bereits gewusst hätten, dass wir als letzte der 17 Bands auftreten würden!

Nachdem wir den Vorträgen der ersten vier Konkurrenten gelauscht hatten, und die einen völlig emotionslos spielten und die anderen einige hörbare Fehler zu verzeichnen hatten, waren wir einigermassen beruhigt. Seit 2001, als wir auch das Gefühl hatten, mindestens sieben Bands lägen deutlich hinter uns, wir aber am Schluss den letzten Platz belegten, seit damals sind wir allerdings vor vorschnellen Schlüssen geheilt! Die Miles Davis war letztes Jahr umgebaut worden und zeigte sich in einem frischen, neuen Kleid. Die weissen Baldachine, die an der Decke hingen machen den Raum allerdings akustisch sehr «trocken». Da war schon mal klar: Heute mussten wir an den lauten Stellen alles geben!

Auf den Fall, dass wir eine hohe Startnummer zugelost bekommen, waren wir gut vorbereitet. Es galt ja, die Zeit bis zu unserem Auftritt um 14.14 Uhr sinnvoll zu nutzen. Dank guter Beziehungen konnten wir im benachbarten Vevey in der EMK-Kapelle um 10.30 Uhr eine Probe abhalten. Der 95-jährige Bewohner, der uns die Kapelle öffnete, meinte, wir sollten etwas ruhig sein, weil der Concièrge, dessen Wohnung über dem Kapellenraum lag, diese Nacht Dienst gehabt habe und jetzt schlafe! Diesem Wunsch konnten wir leider nicht Folge leisten...

Es war für uns ein Glücksfall, dass «Resurgam» als Teststück auf dem Programm stand. Einerseits, weil es aus der Feder des berühmten Eric Ball stammt, zu dem wir vor zwanzig Jahren in London persönliche Kontakte geknüpft hatten. Zum anderen, weil es sich bei «Resurgam» (ich werde auferstehen) um ein Stück handelt, hinter dessen Aussage wir voll und ganz stehen können. Eric Ball schrieb dieses Stück 1950 und widmete es seiner an Tuberkulose verstorbenen Schwägerin Elsa. Das Stück beschreibt die Gefühle, Fragen, Ängste und Hoffnungen, die wohl alle befallen, bei denen eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird. Das Schicksal klopft laut vernehmlich an die Türe und schliesslich reisst der Lebensfaden. Das Schöne an diesem Stück ist aber, dass es mit Tod nicht aufhört, sondern dass wir die Gewissheit haben dürfen, dass es danach weiter gehen wird. Diese Hoffnung wird am Schluss musikalisch auf meisterliche Art dargestellt. Ein Stück voller Emotionen also. Genau um diese Emotionen ging es Dirigent Christian in den letzten Tagen. Wir liessen also die (immer noch vorhandenen) technischen Probleme hinter uns und konzentrierten uns darauf, auf der Bühne in Montreux dem Publikum (und der Jury) diese Emotionen rüberzubringen.

Nach sieben Stunden des Wartens, um 14.14 Uhr war es dann so weit: Christian schaute jedem noch ein mal tief in die Augen. Er hatte uns in den vergangenen Tagen immer wieder versichert, wie sehr er sich auf diesen Moment freute. Es soll ja auch Dirigenten gegeben, die in solchen Momenten weiche Knie bekommen - Christian gehört definitiv nicht zu dieser Sorte. Wie immer verfliegen die zehn Minuten in Windeseile - bevor es richtig begonnen hat, ist der Auftritt schon vorbei. Wir umschifften die meisten der vielen Klippen, die Solisten spielten bravourös und der tosende Applaus bestätigte, dass uns ein guter Durchgang gelungen war, und wir es geschafft hatten, die Emotionen auf das Publikum zu übertragen. Es gabe aber auch einige Fehlerchen - so waren z. B. die Piano-Einsätze nicht immer ganz präzise und manchmal war auch die Intonation leicht getrübt. Das eine oder andere Luftloch liess darauf schliessen, dass uns das Herz bis zum Hals hinauf klopfte, und unsere Luft deshalb nicht so weit reichte wie jeweils in den Proben. Aber mit diesen Problemen kämpfen ja alle Bands.

Um 15.30 Uhr fand die Rangverkündigung statt. Präsi Peter stand mit allen anderen Präsidenten auf der Bühne. Es wurden nur die ersten 6 Plätze (in umgekehrter Reihenfolge) verlesen. Während die Freunde aus Henggart ihren 6. Platz relativ emotionslos hinnahmen, brachen wir in Huronengebrüll aus, als wir auf dem 5. Platz ausgerufen wurden. Auch wenn wir nach unserem letztjährigen zweiten Rang mal gerne zuoberst auf dem Treppchen gestanden hätten, sind wir mit dem 5. Platz zufrieden. Es war unser vierte 5. Platz bei neun Teilnahmen, und verschiedene Bands, die in anderen Jahren vor uns lagen oder gar in der ersten Klasse teilnahmen, lagen diesmal hinter uns.

Nach der Rangverkündigung verfolgten wir den Wettbewerb der Höchstklasse. In der Partitur kam man mit Blättern kaum nach und hatte Mühe, das Geschehen auf der Bühne auf dem Papier mitzuverfolgen. Schliesslich schwang die Bürgermusik Luzern mit einem emotionalen Vortrag unter einem entfesselten Ludwig Wicki obenaus.

Das Abendprogramm liessen wir aus und fanden uns statt dessen in einer Pizzeria zum gemeinsamen Nachtessen ein. Es muss für Erich ein besonderer Abend gewesen sein, denn wir speisten im «Ferrari-Stübli». Die einen hätten gerne noch etwas mehr pommes frites gegessen, aber obwohl «supplement» doch ein französisches Wort ist, wurden wir nicht verstanden. Nach zwei gemütlichen Stunden traten wir mit dem Car die Heimreise an und waren um 00.30 Uhr alle froh, als wir - unserem Fahrer Markus sei Dank - müde aber gesund in Flaach eintrafen. Einmal mehr war Montreux die Reise wert!

Daniel Stucki

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